So wurde dieser Artikel bewertet

64 Bewertungen

Angeleitete Arbeitsgruppe

Kurzbeschreibung

Die angeleitete Arbeitsgruppe besteht aus Mitgliedern der Zielgruppe und wird von einer außen stehenden Person moderiert, die nicht der Zielgruppe angehört. Eventuell können nicht nur Zielgruppenvertreter/innen sondern auch andere kompetente Personen aus der unmittelbaren Umgebung der Zielgruppe (Lebensweltexperten/-expertinnen) an der Arbeitsgruppe teilnehmen.
Der Gesundheitszirkel, eine Methode aus der betrieblichen Gesundheitsförderung, ist die in Deutschland bekannteste und am meisten verbreitete Form der angeleiteten Arbeitsgruppe im Gesundheitsbereich.
Die Stärke der Methode ist, dass sie der Zielgruppe die Möglichkeit eröffnet, gemeinsame Gesundheitsprobleme und deren Ursachen selbst zu definieren und Lösungsstrategien zu entwickeln. Auch die eigenen Gesundheits-Ressourcen und Stärken können bestimmt werden. Durch den hohen Grad an Selbstbestimmung ist die angeleitete Arbeitsgruppe per se eine Ressource.

Voraussetzungen

  • Ein geeigneter Ort, an dem die Gruppe ohne Störung diskutieren kann
  • Erfahrungen in der Moderation von Gruppengesprächen

Anwendungsbereiche

  • Feststellung des Bedarfs einer Zielgruppe
  • Entwicklung von Handlungsstrategien

Arbeitsschritte im Überblick

  1. Gewinnung von Personen aus der Zielgruppe zur Teilnahme
  2. Organisation eines Ortes
  3. Durchführung der Diskussion (Moderation und Festhalten der Ergebnisse) (z.T. mehrfach)
  4. Weitergabe der entwickelten Ziele zwecks Umsetzung durch Dritte

Aufwand

Zeit:
Die Gewinnung von Personen aus der Zielgruppe kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Häufigkeit und Dauer der Sitzungen sowie die Laufzeit der Arbeitsgruppe sollten von den Teilnehmer/inne/n entschieden werden.

Personal:
Ein/e Mitarbeiter/in ist für die Moderation der Arbeitsgruppe erforderlich.

Material:
Schreibblock, Stifte, Moderationsmaterialien und Flipchart für das Protokollieren des Gesprächs.

Andere Kosten:
Getränke und Kleinigkeiten zum Essen können gereicht werden.

Arbeitsschritte im Einzelnen

1. Gewinnung von Personen aus der Zielgruppe zur Teilnahme

Zielgruppenzugehörigkeit und eine starke Motivation, an einem solchen Prozess mitzuarbeiten, sind die zwei wichtigsten Kriterien für die Auswahl möglicher Teilnehmer/innen. Vorteilhaft ist die Teilnahme von Personen aus der Zielgruppe, die durch ihre vielen Kontakte und/ oder ihre Führungsrolle einen besonders guten Einblick in die Probleme der Zielgruppe haben.

2. Organisation eines geeigneten Ortes

Für die Gruppentreffen sollte ein Veranstaltungsort gewählt werden, der zu einem Gespräch anregt. Es sollte also ein Ort sein, an dem sich die Arbeitsgruppenteilnehmer/innen wohl fühlen und der gute Arbeitsbedingungen bietet. Öffentliche Orte – wie Parks, Restaurants etc. – sind hier nicht ausgeschlossen, solange ein Gruppengespräch ohne Störung stattfinden kann.

3. Durchführung der Diskussion (Moderation und Festhalten der Ergebnisse)

Aufgabe der Moderation ist es nicht allein, die Diskussion zu leiten, sondern in erster Linie einen Austausch zwischen den Teilnehmer/inne/n zum Zweck der Arbeitsgruppe zu ermöglichen. Je mehr Selbstorganisation die Teilnehmer/innen übernehmen können, umso besser ist dies für die Entwicklung der Arbeitsgruppe. In welcher Form die Gesprächsergebnisse festgehalten werden, soll von den Teilnehmer/inne/n entschieden werden. Das können Protokolle, Tonbandmitschnitte, Notizen auf der Flipchart, Visualisierungen mit Karteikarten oder auch nur mündliche Zusammenfassungen durch Gruppenmitglieder sein.

4. Weitergabe der entwickelten Ziele zwecks Umsetzung durch Dritte

Die von den Teilnehmer/inne/n entwickelten Ziele müssen nicht unbedingt von den Teilnehmer/inne/n (alleine) umgesetzt werden. Je nach Umfang und Schwerpunkt ist die Beteiligung von anderen – z.B. bestimmter Entscheidungsträger oder Projektträger – nötig. Die Moderation ist ebenfalls nicht für die Umsetzung der Ziele zuständig, sondern nur für die Begleitung der Gruppe, um ihr zu helfen, die nötigen Schritte bis zur Umsetzung zu klären.

Achtung!

- Im Gegensatz zur Methode der Fokusgruppe bestimmt die Moderation einer angeleiteten Arbeitsgruppe nicht die Themen. Die Aufgabe der Moderation hier ist es, einen offenen und konstruktiven Austausch der Teilnehmer/innen zu ermöglichen, damit gemeinsam Probleme definiert und mögliche Handlungsstrategien entwickelt werden können.

- Die angeleitete Arbeitsgruppe ist ein ergebnisoffener Prozess, der das eigenständige Agieren der Zielgruppe zur Verbesserung ihrer Lebenslage unterstützt. Wenn eine Einrichtung spezifische Informationen zur Verbesserung existierender Angebote und Strukturen sucht, sind andere Methoden (z.B. Blitzbefragung, Fokusgruppe) geeigneter.

- Die angeleitete Arbeitsgruppe ist keine pädagogische, sondern eine auf Selbstbestimmung ausgerichtete Methode. Es handelt sich nicht darum, der Zielgruppe bestimmte Handlungsweisen oder Informationen beizubringen, sondern um eine Förderung der Selbstwirksamkeit oder Empowerment durch die Erfahrung der Selbstorganisation.

Weitere Tipps

- Die Idee, eine Arbeitsgruppe zu bilden, kann für viele Zielgruppen zunächst uninteressant sein, da der Zusammenhang zwischen dieser Form der Zusammenarbeit und einer möglichen Verbesserung der eigenen Lebens- oder Gesundheitssituation nicht selbstverständlich ist. Eine Fokusgruppe kann einen unverbindlichen, zeitbegrenzten Einstieg in eine Diskussion der gemeinsamen Problemlage ermöglichen, der zur Gründung einer Arbeitsgruppe motiviert.

- Eine zeitliche Begrenzung für die Zusammenarbeit der Arbeitsgruppe (wie dies z.B. im ursprünglichen Konzept des Gesundheitszirkels vorgesehen ist) kann ein motivierender Faktor sein, da der Aufwand für die Beteiligten überschaubar ist. Je nach Wunsch der Teilnehmer/innen kann die Arbeitsgruppe jedoch auch über einen längeren Zeitraum tagen.

- Ein von der Zielgruppe thematisiertes Gesundheitsproblem kann einen Anlass für die Gründung einer Arbeitsgruppe bieten. Diese direkte Verbindung zwischen einem bereits von den betroffenen Personen erkannten Problem und der Möglichkeit, gemeinsam zu handeln, ist eine günstige Ausgangslage für eine engagierte Zusammenarbeit.

- Erfahrungen aus der betrieblichen Gesundheitsförderung zeigen die Vor- und Nachteile der Teilnahme von Personen an einer Arbeitsgruppe (im Betrieb: am Gesundheitszirkel) die nicht zur Zielgruppe gehören. In vielen Betrieben gibt es „gemischte“ Gesundheitszirkel, an denen nicht nur die Beschäftigten (die Zielgruppe) sondern auch z.B. Vorgesetzte, Abteilungsleitung und Betriebsärzte teilnehmen. Die Teilnahme von Personen außerhalb der Zielgruppe kann vorteilhaft sein, wenn diese Personen einen entscheidenden Einfluss auf die Lebens- oder Arbeitsbedingungen der Zielgruppen haben. Gerade bei solchen gemischten Arbeitsgruppen muss jedoch gewährleistet sein, dass die Zielgruppe sich ohne Angst vor Repressalien oder anderen negativen Konsequenzen zu ihrer Situation äußern und entsprechende Ideen und Handlungsvorschläge zur Verbesserung dieser Situation entwickeln kann. Um dies zu gewährleisten, kann z.B. die Möglichkeit dafür geschaffen werden, dass sich die Zielgruppenvertreter/innen auch in Abwesenheit der anderen Arbeitsgruppenmitglieder treffen, um ihre eigenen Standpunkte zu erarbeiten.

Autor/inn/en: Block/Unger/Wright

Literatur und Links

Faller, G. & Meier, S. (2002). Gesundheitszirkel für Studierende. Ein Modellprojekt. Düsseldorf: Landesunfallkasse Nordrhein-Westfalen.

Slesina, W., Beuels, F.-R. & Sochert, R. (1998). Betriebliche Gesundheitsförderung. Entwicklung und Evaluation von Gesundheitszirkeln zur Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen. Weinheim: Juventa.

Sochert, R. (2000). Gesundheitszirkel: Evaluation eines integrierten Konzeptes betrieblicher Gesundheitsförderung. In A. Schröer, A. (Hrsg.), Betriebliches Gesundheitsmanagement und Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren (S. 79-94). Essen: Bundesverband der Betriebskrankenkassen.

Nützliche Seiten zur Definition von Gesundheitszirkeln:

Preußer, I. (2003). Betriebliche Gesundheitsförderung durch Partizipation. Eine qualitative Studie zu den individuellen Voraussetzungen für eine Beteiligung an Gesundheitszirkeln. Dissertation, Universität Hamburg. http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=971234884&dokvar=d1&dok ext=pdf&filename=971234884.pdf