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Fokusgruppe

Kurzbeschreibung

Eine Fokusgruppe ist eine moderierte Gruppendiskussion von 6-10 Personen, die ein im Voraus festgelegtes Thema zielgerichtet bearbeitet. Die Diskussion dauert 1-2 Stunden. In der Gesundheitsförderung und Prävention werden Fokusgruppen realisiert, um Rückmeldungen zu allen Phasen der Planung und Durchführung eines Projekts von Personen aus der Zielgruppe zu bekommen.

Die Stärke der Fokusgruppe ist, dass in relativ kurzer Zeit ein Projekt sich über die Sicht der Zielgruppe auf ein Gesundheitsproblem oder eine (geplante) Intervention informieren und dabei auch Einblicke in die Lebenswelt der Zielgruppe gewinnen kann. Die Fokusgruppe ist eine Methode aus der Marktforschung, die international auch im Gesundheits- und Sozialwesen breite Anwendung findet.

Voraussetzungen

  • Ein Ort, an dem die Gruppe ohne Störung diskutieren kann
  • Erfahrungen in der Moderation von Gruppengesprächen
  • Ein klar definiertes Thema

Anwendungsbereiche

  • Feststellung des Bedarfs einer Zielgruppe
  • Testen eines Projektkonzepts
  • Entwicklung neuer Ideen für die Projektarbeit
  • Überprüfung der Akzeptanz eines Angebots
  • Untersuchung der Wirkung eines Angebots

Überblick über die Arbeitsschritte

  1. Festlegen eines Themas für die Diskussion
  2. Entwicklung eines Leitfadens für die Diskussion
  3. Organisation eines Ortes
  4. Zusammensetzung der Gruppe festlegen
  5. Personen aus der Zielgruppe für die Teilnahme an der Fokusgruppe gewinnen
  6. Durchführung der Diskussion (Moderation und Festhalten der Ergebnisse)
  7. Auswertung der Ergebnisse

Aufwand

Zeit:
Die Durchführung der Diskussion dauert 1-2 Stunden. Die Planungsdauer (Arbeitsschritte 1-3) ist von den projektinternen Prozessen abhängig. Die Dauer der Auswertung variiert je nach Umfang und Komplexität der Fragestellung sowie mit den Ansprüchen der Einrichtung.

Personal:
Mindestens ein/e Mitarbeiter/in ist für die Durchführung der Fokusgruppe erforderlich. Idealerweise sind zwei Mitarbeiter/innen an der Durchführung beteiligt: eine/r ist für die Moderation, der/die andere für das Protokollieren der Ergebnisse sowie für organisatorische Arbeiten (wie Bsp. Audioaufzeichnung) zuständig.

Material:
Ein Schreibblock für das Protokollieren des Gesprächs. Von Vorteil ist auch ein Tonaufnahmegerät für die Aufzeichnung der Diskussion.

Andere Kosten:
Als Anreiz für die Teilnahme an der Diskussion können z.B. Gutscheine oder eine Aufwandsentschädigung angeboten werden. Sollte dieses finanziell nicht möglich sein, so ist es wichtig die Wertschätzung der Teilnahme zum Ausdruck zu bringen.

Getränke und Kleinigkeiten zum Essen können während der Diskussion zur Verfügung gestellt werden.

Eine Transkription (Verschriftlichung) des auf dem Tonträger aufgenommenen Gruppengesprächs sollte geplant werden.

Arbeitsschritte im Einzelnen

1. Festlegen eines Themas für die Diskussion

Ein klar definiertes Thema ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Fokusgruppe. Dieses Thema kann ein Angebot oder eine Fragestellung sein.

2. Entwicklung eines Leitfadens für die Diskussion

Der Leitfaden ist eine Zusammenstellung der wichtigsten Fragen, die im Rahmen der Diskussion beantwortet werden sollen. Der Leitfaden sollte nicht zu umfassend sein (maximal 5 Fragen). Er ist für die Moderation, nicht für die Teilnehmer/innen der Fokusgruppe gedacht. Der Leitfaden dient der Vorbereitung und Fokussierung des Gesprächs – er soll während der Diskussion eine Orientierung bieten, die Fragen müssen allerdings nicht in der Reihenfolge des Leitfadens diskutiert werden.

3. Organisation eines Ortes

Für die Diskussion sollte ein Ort organisiert werden, der zu einem Gespräch einlädt. Es soll ein Ort sein, an dem sich die Gesprächsteilnehmer/innen wohl fühlen. Öffentliche Orte – wie Parks, Restaurants etc. – sind hier nicht ausgeschlossen, solange ein Gruppengespräch ohne Störung stattfinden kann. Um schwer erreichbare Zielgruppen für die Diskussion zu gewinnen, kann es notwendig sein, sie an den von ihnen bevorzugten Orten zu rekrutieren und ggf. auch die Diskussion dort durchzuführen. Ein Stammtisch kann eine ideale Fokusgruppe bilden!

4. Zusammensetzung der Gruppe festlegen

Die Teilnehmer/innen sollen die wesentlichen Merkmale der Zielgruppe verkörpern, die von der Projektarbeit erreicht werden sollen. Wenn diverse Zielgruppen vom gleichen Angebot angesprochen werden sollen, ist es ratsam, mehrere Fokusgruppen durchzuführen. Fokusgruppen funktionieren am besten, wenn sie so zusammengesetzt sind, dass die Teilnehmer/innen gut miteinander sprechen können. Dazu dürfen sie nicht zu unterschiedlich sein.

5. Personen aus der Zielgruppe für die Teilnahme an der Fokusgruppe gewinnen

Um Teilnehmer/innen für eine Fokusgruppe zu gewinnen, ist es wichtig, verständlich zu machen, wie ein solches Gruppengespräch aussieht und was das Ziel dieser Fokusgruppe ist. Das Thema, der Ort und die voraussichtliche Dauer des Gesprächs sollten erklärt werden, ebenso wie die vertrauliche Behandlung der Inhalte der Diskussion (Aussagen werden anonymisiert).

6. Durchführung der Diskussion (Moderation und Festhalten der Ergebnisse)

Im besten Fall wird die Fokusgruppe von zwei Mitarbeiter/inne/n durchgeführt, eine/r ist für die Moderation, der/die andere für die organisatorischen Arbeiten sowie für das Festhalten der Ergebnisse zuständig. Die Moderation sorgt dafür, dass zu den im Leitfaden formulierten Fragen eine Diskussion unter den Teilnehmer/inne/n entsteht. Anfangs wird noch mal die Fragestellung erläutert und die Möglichkeit, Fragen zu stellen erläutert. Der Umgang miteinander und mit den Inhalten wird gemeinsam festgelegt: Vertraulichkeit, respektvoller Umgang mit unterschiedlichen Meinungen, Ausreden lassen, etc. Zu beachten ist, dass alle Teilnehmer/innen zu Wort kommen (können). Die Moderation hilft den Teilnehmer/inne/n dabei, ihre Meinungen zu äußern und die Gründe für diese Meinungen zu erklären. Der Gesprächsverlauf und dessen Ergebnisse werden schriftlich protokolliert (mit möglichst vielen anonymisierten Zitaten aus der Diskussion) und möglichst auch mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet.

7. Auswertung der Ergebnisse

Die Auswertung der Ergebnisse besteht darin, die im Laufe der Diskussion geäußerten Meinungen zu verstehen und deren Folgen für die Weiterentwicklung der Projektarbeit zu reflektieren.
Die einfachste Form der Auswertung beinhaltet die Identifikation zentraler Themen des Gesprächs und eine Beschreibung und Erklärung der verschiedenen Meinungen zu diesen Themen. Diese Themen können den Fragen des Leitfadens entsprechen oder neue Themen sein, die von der Fokusgruppe aufgeworfen wurden. Für die Zusammenfassung und Auswertung der Fokusgruppe wird das Protokoll herangezogen. Es ist sinnvoll, dass die beiden Mitarbeiter/innen auch die Tonaufnahme zur Ergänzung des schriftlichen Protokolls nutzen.
Aufwändiger sind die wörtliche Verschriftlichung (Transkription) der Audioaufnahme und die wissenschaftliche Auswertung des Gesprächs, z.B. mit Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse oder der Gesprächsanalyse. Die Verschriftlichung und wissenschaftliche Auswertung kann zu genaueren Ergebnissen führen, es sollte allerdings abgewogen werden, ob der dafür benötigte Zeitaufwand im Verhältnis zum Nutzen steht.

Achtung !

- Die Fokusgruppe ist kein offener Ideenaustausch, sondern eine geleitete Diskussion mit einer klaren Zielsetzung (nämlich Rückmeldungen zu einem bestimmten Thema zu bekommen).

- Die Fokusgruppe ist keine allgemeine Feedbackrunde zur Arbeit des Projekts (die Moderation sollte also darauf achten, dass das Gespräch nicht zu sehr abdriftet).

- Die Fokusgruppe ist eine Methode der Diskussionsführung, kein Frage-Antwort-Spiel. Ein Kennzeichen einer erfolgreichen Fokusgruppe ist ein lebendiges Gespräch, das in erster Linie von den Teilnehmer/inne/n getragen wird (d.h. die Moderation sollte nicht zu strikt am Leitfaden hängen, sondern diesen flexibel benutzen um die Diskussion zu stimulieren).

- Ein schriftliches Protokoll bietet eine sehr eingeschränkte Grundlage für die Auswertung, da oft viele wichtige Details verloren gehen. Auch wenn keine Transkription möglich ist, sollte das Gespräch auch mittels Tonaufzeichnung festgehalten werden. Im Protokoll sollten möglichst viele „O-Töne“ (anonymisierte Zitate) aus dem Gespräch protokolliert werden, um die Ergebnisse nachvollziehbarer und konkreter zu machen.

- Die Fokusgruppe ist eine Methode, um Gruppenmeinungen zu erfahren. Der Einfluss der Gruppe auf die individuelle Meinung gehört zur Dynamik. Aus diesem Grund ist die Fokusgruppe für das Besprechen intimer, tabuisierter oder stigmatisierter Themen weniger geeignet.

Weitere Tipps

- Das Thema muss präzise, klar und verständlich formuliert werden.

- Bei der Gruppenbildung ist zu beachten, dass deren Mitglieder miteinander ins Gespräch kommen können. Bekannte persönliche oder ideologische Konflikte müssen bei der Zusammensetzung der Gruppe berücksichtigt werden.

- Im Zweifelsfall – z.B. wenn die Ergebnisse einer Fokusgruppe uneindeutig sind oder wenn der Eindruck entsteht, dass wichtige Meinungen im Rahmen der Fokusgruppe nicht geäußert wurden – können weitere Fokusgruppen unter Beteiligung anderer Personen aus der Zielgruppe, aber mit Anwendung des gleichen Leitfadens, durchgeführt werden. Wenn keine neuen Informationen aus einer Folgegruppe erwachsen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass das Wesentliche erfasst wurde.

- Eine Fokusgruppe fördert die gemeinsame Gruppenerfahrung. Wichtige Aspekte hierfür sind: das Schaffen einer guten Atmosphäre, den Teilnehmer/inne/n Raum und Zeit lassen; ggf. die Gruppe professionell begleiten lassen.

Autor/inn/en: Block/Unger/Wright

Links und Literatur

Zur Methode der Fokusgruppe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Fokusgruppe

http://www.metaworks.at/gruppendiskussionen.htm

http://www.vocatus.de/datenerhebung/fokusgruppen.php?highlight=Fokusgruppe

http://www.uibk.ac.at/smt/marketing/files/ubik_marketing_fg.pdf

Wissenschaftliche Literatur:

Dürrenberger, G. & Behringer, J. (1999). Die Fokusgruppe in Theorie und Anwendung. Akademie für Technikfolgenabschätzung: Stuttgart.

Englischer Text: Krueger, R. (1994). Focus Groups. London: Sage Publications.
Bohnsack, R. (2004). Gruppendiskussion. In U.Flick, E,v.Kardorff, I.Steinke (Hg) Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek:Rowohlt, S. 369-384.

Text über eine Auswertungsmethode: Pelz, C., Schmitt, A. & Meis, M. (2004). Knowledge Mapping als Methode zur Auswertung und Ergebnispräsentation von Fokusgruppen in der Markt- und Evaluationsforschung. Forum Qualitative Sozialforschung, 5(2), Art. 35. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-04/2-04pelzetal-d.htm

Literatursammlung zu Gruppendiskussionen: http://www.qualitative-research.net/organizations/or-gr-l-d.htm

Links zu den Praxisbeispielen: