So wurde dieser Artikel bewertet

37 Bewertungen

Teilnehmende Beobachtung

Kurzbeschreibung

Teilnehmende Beobachtung ist eine Methode der Datensammlung, die sich relativ leicht in den Praxisalltag integrieren lässt, weil sie wenig aufwendig und sehr alltagsnah ist. Bei einer teilnehmenden Beobachtung begeben sich die Beobachter/innen in das zu beobachtende Setting und nehmen aktiv daran teil. Sie verfassen Notizen, die anschließend ausgewertet werden. Die wissenschaftliche Methode der teilnehmenden Beobachtung unterscheidet sie sich von alltäglichen Formen der Teilnahme und Beobachtung in dreifacher Hinsicht: durch Absicht, Selektion und Auswertung (Schöne 2003). Wenn wir teilnehmend beobachten, um z.B. für eine Bedarfserhebung oder Evaluation Daten zu sammeln, verfolgen wir ein bestimmtes Ziel bzw. einen Zweck, wählen aus unseren Wahrnehmungen nur bestimmte Aspekte aus, und werten diese systematisch aus.

Voraussetzungen

  • Genügend Zeit für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Beobachtung
  • Bei Einsatz der Methode in privaten oder semi-öffentlichen Räumen ggf. vorher Genehmigung einholen

Anwendungsbereiche

  • Bedarfserhebung
  • Evaluation
  • Kontinuierliches Lernen und Verbessern der eigenen Arbeit

Arbeitsschritte im Überblick

  1. Vorbereitung
  2. Durchführung der Beobachtung(en)
  3. Auswertung der Beobachtungen

Aufwand

Zeit: Je nachdem, zu welchem Zweck und wo Daten durch Beobachtung gesammelt werden, variiert der zeitliche Aufwand erheblich. Es sollte genug Zeit eingeplant werden, um die Beobachtung vorzubereiten (Vorbesprechung, ggf. Beobachtungsbogen und Pretest), durchzuführen (am besten mehrere Male) und auszuwerten.

Personal: Wenn möglich, sollten mehrere Personen gleichzeitig beobachten, da so verschiedene Eindrücke und Blickwinkel erhoben werden können (Vielfalt der Perspektiven). Es bietet sich an, Beobachter/innen auszuwählen, die sich gut in das jeweilige Setting, in dem die Beobachtung stattfinden soll, einfinden und keine Berührungsängste haben.

Material: Es kann ein Beobachtungsbogen erstellt und eingesetzt werden, Notizen können jedoch auch ohne vorstrukturierten Bogen auf Papier oder mit einem PC erstellt werden. Foto und Videokameras können unterstützend eingesetzt werden, wobei aber darauf zu achten ist, die Privatsphäre anderer Personen nicht zu verletzen und ggf. eine Genehmigung einzuholen.

Arbeitsschritte im Einzelnen:

1. Vorbereitung

Im Vorfeld wird geklärt, zu welchem Zweck die teilnehmende Beobachtung stattfinden soll. Zum Beispiel kann sie dazu dienen, die Wirkung einer gesundheitsförderlichen oder präventiven Maßnahme zu evaluieren, indem die Reaktionen der Zielgruppe beobachtet werden.

In der Vorbereitung wird besprochen, worauf bei der Beobachtung zu achten ist. Sollen z.B. Publikumsreaktionen auf eine Aktion beobachtet werden, können verschiedene Positionen für Beobachtungen in Erwägung gezogen werden ebenso wie bestimmte Handlungen der Zielgruppe (Aufmerksamkeit, Teilnahme, Lachen, Beifall, etc). Hierbei sollten nicht nur Anzeichen für die erwünschte Wirkung, sondern auch für mögliche unerwünschte Wirkungen und Reaktionen in Betracht gezogen werden.

Es wird geklärt, wann und wie Beobachtungen zu notieren sind: während oder nach der Teilnahme im Setting, mit oder ohne vorstrukturierten Bogen; mit oder ohne Fotos oder Videoaufnahme. Es ist immer gut, eine Methode vorher auszuprobieren und wie alle Instrumente der Datenerhebung sollten auch Beobachtungsbögen einem Pretest (Probelauf) unterzogen werden.

2. Durchführung der teilnehmenden Beobachtung

Die teilnehmende Beobachtung soll das Geschehen im Setting so wenig wie möglich stören. Wichtige Personen im Setting sollten über die Datenerhebung vorher informiert werden (z.B. Wirte von Lokalen, in denen die Publikumsreaktionen auf eine Präventionsaktion beobachtet werden). Es kann sich anbieten, mehrere Beobachter/innen gleichzeitig einzusetzen, um verschiedene Eindrücke und Perspektiven zu erheben. Dies kann auch durch Fotos oder Videokameras unterstützt werden (auf Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre ist allerdings zu achten). Ausführliche Notizen werden am besten im Nachhinein verfasst, wobei es sich anbieten kann, Eindrücke und Wahrnehmungen stichwortartig vor Ort zu notieren. Im Anschluss werden diese Notizen schriftlich ausformuliert, wobei die Beschreibungen der Beobachtungen so detailliert wie möglich verfasst werden. Je länger und häufiger die teilnehmende Beobachtung in einem Setting, umso besser werden in der Regel die Daten. Denn wiederholt man die Beobachtung mehrere Male, sieht man bestimmte Muster und Ausnahmen umso klarer und die Wahrnehmung ist geschärft.

3. Auswertung der Beobachtungen

Die Notizen werden in ein Word-Dokument eingegeben. Aus den Notizen sollte klar ersichtlich sein, welche Beobachtungen wann von welcher Person und aus welcher Perspektive gemacht wurden. Das Auswertungsteam liest alle Beobachtungen und vergleicht sie miteinander. Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Beobachtungen werden interpretiert. Oft sind insbesondere die Unterschiede sehr aufschlussreich. Diese Daten können auch herangezogen werden, um andere Daten, wie Interviews oder Blitzbefragungen zu ergänzen.

Achtung !

- Die Beobachter/innen sollten möglichst offen und aufgeschlossen in das Setting gehen, damit sie auch Dinge wahrnehmen können, mit denen sie nicht gerechnet haben.

- Beim Beobachten den Anspruch loslassen, alles mitzubekommen und stattdessen, das, was man sieht, genauer und aufmerksamer betrachten.

- Beim Verfassen der Notizen, insbesondere der ausführlichen Version am Computer, sollte möglichst detailreiche Beschreibungen festgehalten werden.

- Bei den Notizen geht es zunächst um gute Beschreibungen – und weniger um Bewertungen oder Interpretationen. Es ist hilfreich, diese Schritte so klar wie möglich zu trennen: 1) Wahrnehmungen durch Beobachtung und Teilnahme (im Setting/Feld); 2) Beschreibung (beim Verfassen der Notizen); 3) Bewertung und Interpretation (bei der Auswertung im Team).

Weitere Tipps

- Verschiedene Beobachtungen des gleichen Phänomens sind möglich (abhängig z.B. von der Perspektive)

- Verschiedene Interpretationen der gleichen Beobachtung sind möglich (abhängig z.B. vom Hintergrund der Person, die die Beobachtung bewertet)

Autor/innen: Unger/Block/Wright

Links und Literatur

Teilnehmende Beobachtung. Methodenkoffer. Bundeszentrale für politische Bildung. Zugänglich über: http://www.bpb.de/methodik/5JRHMH,0,0,Methodensuche.html

Flanierende Begehung und Beobachtung. Methodenkoffer. Bundeszentrale für politische Bildung. Zugänglich über: http://www.bpb.de/methodik/J4X0OC,0,0,Anzeige_einer_Methode.html?mid=513

Schöne, Helmar (2003) Die teilnehmende Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Politikwissenschaft. Methodologische Reflexion und Werkstattbericht. Forum Qualitative Sozialforschung, 4 (2), verfügbar über http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/720/1559