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Entwicklung lokaler Ziele und Wirkungswege (ZiWi-Methode)

Kurzbeschreibung

Die ZiWi-Methode dient der Klärung von Zielen und Wirkungswegen einer Intervention. Die Methode wurde in Anlehnung an die ‚Theory of Change’ (dt.: Theorie der Veränderung) entwickelt, die seit den 1990er Jahren im englischsprachigen Raum zur Programm- und Evaluationsplanung genutzt wird. Mit der ZiWi-Methode lassen sich die Ziele und Wirkungswege einer Intervention bildlich darstellen und Indikatoren zur Überprüfung der Zielerreichung formulieren.

Die Stärke der Methode besteht darin, Klarheit darüber zu schaffen, wie man was erreichen will. Dabei wird implizites Wissen explizit gemacht, d.h. das Wissen, das man im Alltag in der praktischen Arbeit oft als selbstverständlich voraussetzt, wird ausgesprochen und erhält dadurch eine neue Qualität. Die eigenen Annahmen über die Entstehung und Lösung eines Gesundheitsproblems (also die „lokale Theorie“) werden deutlich und überprüfbar. Die ZiWi-Methode kann sowohl für die Konzeption neuer Interventionen als auch für die Evaluation und Qualitätssicherung bestehender präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen eingesetzt werden.

Anwendungsbereiche

  • Entwicklung und Planung von Interventionen
  • Anpassung von präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen an lokale / spezifische Bedarfe von Zielgruppen
  • Evaluationsplanung
  • Kontinuierliches Lernen und Verbesserung der eigenen Arbeit
  • Erstellen eines Projektantrages

Voraussetzungen

  • Ausreichend Zeit
  • Die Möglichkeit, eine Arbeitsgruppe zu bilden
  • Die Bereitschaft, auf der konzeptuellen/ theoretischen Ebene die eigene Arbeit zu reflektieren
  • Geduld, Lernbereitschaft, Kompromissbereitschaft und Kritikfähigkeit – die Methode funktioniert nur, wenn man Lust auf die inhaltliche Diskussion hat und bereit ist, sich über das Vorgehen und wichtige Grundbegriffe und Ziele in der Gruppe zu verständigen. Förderlich ist es, wenn sich die Gruppe bereits kennt und eine Vertrauensbasis besteht.

Arbeitsschritte im Überblick

1. Bildung einer Arbeitsgruppe (Zeit schaffen, regelmäßige Treffen organisieren)

2. Vorbereitung: Relevantes Material (z.B. Konzeptpapiere, alte Anträge, Leitbilder) sichten

3. Schritte der ZiWi-Methode:

  • Worum geht es?
  • Wer sind die Adressaten?
  • Was ist das Ziel?
  • Welche Wege führen zum Ziel? (Wirkungswege und Meilensteine)
  • Gesamtbild der Intervention erstellen
  • Entwicklung von Indikatoren für die Erfolgsmessung
  • Schriftliche Niederlegung des Bildes (Fließtext)

Aufwand

Zeit:

Die ZiWi-Methode ist zeitaufwendig. Es werden mehrere Sitzungen benötigt. Es empfiehlt sich, zwischen den Sitzungen Zeit für Recherche, Ideensammlung, Dokumentation und das Überdenken einzuplanen. Auch der Fließtext, der entweder schrittweise für jede Arbeitseinheit oder als Ganzes verfasst wird, nimmt Zeit in Anspruch.

Personal:

Bevorzugt sollte die Arbeitsgruppe aus den Personen bestehen, die für die Planung und Durchführung der (vorgesehenen) Maßnahme zuständig sind. Dies kann sowohl hauptamtliche als auch ehrenamtliche Projektmitarbeiter/innen umfassen. Wenn möglich, sollten auch Vertreter/innen der Zielgruppe als Lebenswelt-Expert/innen einbezogen werden. Die Methode sollte keinesfalls ohne Rückkopplung mit den Personen, die an der Planung und Durchführung der Maßnahme beteiligt sind, angewendet werden. Gegebenenfalls kann eine externe Moderation hinzu geladen werden.

Material:

Hilfsmittel zur Erstellung einer graphischen Übersicht

  • Flipchart
  • verschiedenfarbige Karteikarten
  • dicke Stifte
  • Kleber/Klebeband
  • Digitale Kamera zum Festhalten der Ergebnisse (Fotos der Flipcharts)

Materialien zur schriftlichen Niederlegung

  • Schreibpapier
  • Computer

Bereits vorhandene Konzepte etc. als Grundlage

Andere Kosten:

Ggf. Kosten für eine Literaturbeschaffung und andere Recherchen einplanen.

Arbeitsschritte im Einzelnen:

1. Bildung einer Arbeitsgruppe

Es werden Mitarbeiter/innen für die Beteiligung am Prozess gewonnen und eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich für einen bestimmten Zeitraum regelmäßig trifft. Am Prozess sollten alle beteiligt sein, die zur Planung und Durchführung der (vorgesehenen) Maßnahme beitragen. Es kommen also nicht nur hauptamtliche Mitarbeiter/innen eines Projekts, sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiter/innen sowie Vertreter/innen der Zielgruppe in Frage. Voraussetzung ist die Bereitschaft zur Reflexion und Diskussion.

Regelmäßige Treffen sollen organisiert werden, die jeweils mindestens zwei Stunden lang dauern. Der Zeitaufwand und die Häufigkeit der Treffen hängt wesentlich von der Komplexität der (vorgesehenen) Maßnahme ab. Alternativ ist statt mehreren Arbeitsgruppentreffen auch ein Blocktermin möglich (z.B. ein Klausurtag oder ein Klausurwochenende).

2. Vorbereitung: bestehende Konzeptpapiere sichten

Es ist hilfreich, zu Beginn bestehende Konzeptpapiere, Anträge, Leitbilder u. ä. zu sichten. Dadurch schafft die Arbeitsgruppe Klarheit über die Grundsätze und Ausrichtung ihrer Arbeit, bevor sie durch Anwendung der ZiWi-Methode in die Planung bzw. Überprüfung einer spezifischen Maßnahme einsteigt.

3. Schritte der ZiWi-Methode in der Arbeitsgruppe umsetzen.

Worum geht es?

Zuerst muss geklärt werden, auf welche (geplante oder bereits laufende) Maßnahme der Gesundheitsförderung/Prävention die ZiWi Methode angewendet werden soll. Hierfür sind eine möglichst genaue Beschreibung der Zielgruppe (Bedarfsbestimmung) und der lokalen Voraussetzungen sinnvoll.

Wer sind die Adressaten?

Bevor mit der Methode begonnen wird, sollten die Adressaten bestimmt werden: „Für wen machen wir diesen Prozess?“ Dies hat Einfluss auf die Gestaltung der nachfolgenden Schritte. Wenn es sich beispielsweise um einen Projektantrag handelt und der angestrebte Zuwendungsgeber bekannt ist, wird das Gesamtbild unter Umständen anders aussehen, als wenn die Methode ausschließlich zur internen Qualitätssicherung benutzt wird. Unterschiedliche Adressaten haben unterschiedliche Bedürfnisse bzw. Ansprüche in Bezug auf die Begründung einer Intervention und die Indikatoren der Wirksamkeit.

Was ist das Ziel der Intervention?

Zunächst wird das übergeordnete Gesamtziel der Intervention oder Maßnahme formuliert. Hierbei ist es ratsam, SMART-Kriterien anzuwenden, um sicher zu stellen, dass das Ziel spezifisch, messbar, angemessen, realistisch und terminierbar ist. Das heißt, es gilt ein Gesamtziel zu bestimmen, dass zwar langfristig und übergeordnet ist, aber dennoch innerhalb eines bestimmten Zeitraums erreichbar scheint. Die Realisierbarkeit eines Ziels wird von den Beteiligten oft unterschiedlich eingeschätzt. Es gilt eine Einigung zu erzielen und eine konsensfähige Balance zwischen Ambition und Realismus zu finden. Bei der Bestimmung des Gesamtziels kann es hilfreich sein, die Unterscheidung von Vision, Leitbild und Ziel heranzuziehen.

Welche Wege führen zum Ziel?

Sobald das übergeordnete, langfristige Gesamtziel fest steht, werden die kurz- und mittelfristigen Ziele geklärt, also die Meilensteine, die auf dem Weg zum Gesamtziel liegen. Es werden Annahmen darüber getroffen, wie die Meilensteine zusammenhängen und wie und warum sie zum Gesamtziel beitragen. Folgende Fragen helfen bei der Bestimmung der (angenommenen) Wirkungswege:

  • Welche Bedingungen und Voraussetzungen sind für das Erreichen des Gesamtziels notwendig?
  • Wie trägt die Intervention zur Linderung des Gesundheitsproblems der Zielgruppe bei?
  • Warum trägt die Intervention zur Linderung des Gesundheitsproblems der Zielgruppe bei?
  • Wie hängen die Meilensteine miteinander und mit dem langfristigen Ziel zusammen?

Diese Wirkungswege können „vorwärts“ (von der Maßnahme zum Ziel) oder „rückwärts“ (vom Gesamtziel zur Maßnahme) erstellt werden. Werden sie „vorwärts“ entwickelt, fragt man: „Was muss als erstes/nächstes erreicht werden?“ Entwickelt man sie „rückwärts“ lautet die Frage, „Was ist hierzu eine notwendige Voraussetzung?“

Statt horizontal, lässt sich das Modell auch vertikal abbilden – in diesem Fall werden die Wirkungswege von unten nach oben entwickelt (bzw. „rückwärts“ von oben nach unten).

Abbildung: ZiWi-Modell

5. Gesamtbild der Intervention erstellen

Oft gibt es mehr als einen Wirkungsweg. Die einzelnen Wirkungswege und Meilensteine werden in ein Gesamtbild integriert. Insofern die ZiWi-Methode im Rahmen der Konzeption einer neuen Intervention eingesetzt wird, wird nun - abgeleitet aus dem vorhergehenden Gesamtziel, den Meilensteinen und den angenommenen Wirkungswegen – eine präventive bzw. gesundheitsfördernde Maßnahme konzipiert.

6. Entwicklung von Indikatoren für die Erfolgsmessung

An dieser Stelle werden Indikatoren sowohl für die Erreichung des Gesamtziels als auch für die Erreichung der Meilensteine formuliert. Diese Indikatoren sind zur Überprüfung der Zielerreichung (Evaluation) hilfreich und notwendig.

Indikatoren (lat. indicare „anzeigen“) erlauben es, Prozesse zu verfolgen und zu überprüfen. Indikatoren sind messbar. Gute Indikatoren entsprechen den ZWERG Kriterien:

  • zentral bedeutsam (aussagekräftig für den jeweiligen Meilenstein)
  • wirtschaftlich (mit angemessenem Aufwand zu erheben)
  • einfach (allgemein verständlich und nachvollziehbar)
  • rechtzeitig (Ergebnisse sind zeitnah bzw. zu einem angemessenen Zeitpunkt verfügbar)
  • genau (verlässlicher und spezifischer Maßstab)

Indikatoren für die Akzeptanz einer Präventions-Aktion könnten zum Beispiel sein: Besucherzahlen, Beifall und positive Rückmeldungen. Methodisch könnten diese Indikatoren zum Beispiel durch die Dokumentation oder Schätzung der Besucherzahlen, durch Beobachtungen (z.B. der Stärke des Beifalls) und mittels einer Blitzbefragung des Publikums erhoben werden (z.B. „Wie hat Dir diese Aktion gefallen?).

7. Schriftliche Niederlegung des Bildes (Fließtext)

Das Gesamtbild der Intervention (samt Indikatoren) wird in einem Text zusammengefasst. Das Ausformulieren bietet die Möglichkeit, über die einzelnen Elemente und deren Zusammenspiel zu reflektieren. Der Fließtext sollte von allen Personen, die am Prozess beteiligt waren, als angemessene Widergabe der Diskussionsergebnisse angesehen werden.

Achtung ! 

- Die ZiWi-Methode ist aufwendig! Es muss relativ viel Zeit zur Verfügung stehen, damit eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Situation, dem zugrundeliegenden Problem und der Intervention als möglicher Lösungs- oder Linderungsstrategie stattfinden kann.

- Die Methode sollte in einer Arbeitsgruppe durchgeführt werden. Für einen Einzelnen kann sie überfordernd sein; außerdem verzichtet man auf wertvolle Diskussionen.

- Die Diskussion, die von der ZiWi-Methode angeregt wird, kann Konflikte unter den Beteiligten auslösen. Diese Konflikte basieren auf unterschiedlichen Wahrnehmungen der Situation der Zielgruppe bzw. auf unterschiedlichen Meinungen zum Sinn und Zweck der geleisteten Arbeit. Ein angemessener Umgang mit den Konflikten (evtl. mithilfe einer Supervision oder einer externen Moderation) ist eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung der Methode.

- Die ZiWi-Methode dient der Formulierung und Untersuchung der projektinternen Logik, die einer Intervention zugrunde liegt. Oft werden durch die Methode implizite (unausgesprochene, nicht vollständig ausformulierte) Annahmen über die Arbeit explizit (deutlich) gemacht. Dementsprechend ist ein wichtiger Maßstab einer gelungen Anwendung der Methode inwieweit die bereits vorhandenen Annahmen über die Arbeit verdeutlicht werden können.

- Die Teilnehmer/innen der Arbeitsgruppe sollten neugierig sein und Lust haben auf das Umdenken von der praktischen Ebene der täglichen Arbeit zur konzeptuellen Arbeit, sonst gerät der Prozess ins Stocken –  im schlimmsten Fall misslingt er. 

Weitere Tipps

- Wenn ein Gesamtfließtext zu schwierig erscheint, können auch pro Arbeitsschritt Texte verfasst und abschließend zusammengeführt werden.

- Es ist notwendig, dass jemand für die Moderation der Arbeitstreffen zuständig ist. Diese Person sorgt sowohl für die schrittweise Anwendung der Methode als auch für das Festhalten der Ergebnisse. Empfehlenswert ist eine Moderation „von außen“, die der Arbeitsgruppe helfen kann, ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen und Meinungsunterschiede unter den Beteiligten zu klären.

- Es kann sein, dass ein Projekt bereits über die Interventionsform und deren Gesamtziel Klarheit geschaffen hat, aber noch nicht weiß, wie mit der Intervention das Gesamtziel erreicht werden soll. Auch in diesem Fall kann die ZiWi-Methode verwendet werden. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung der Meilensteine und Wirkungswege.

- Ideen für geeignete Interventionen können über fachliche Informationsquellen gewonnen werden. Hierfür kommen z.B. Good Practice-Beispiele, Praxisleitlinien und entsprechende Fachliteratur (aus der Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Psychologie etc.) in Frage.

- Der Fließtext ist eine gute Grundlage für Anträge, Selbstdarstellungen und ähnliche Schreiben, in denen ein Projekt seine Arbeit transparent und nachvollziehbar darstellen möchte.

Autor/inn/en: Unger/Block/Wright

Links und Literatur

Praxisbeispiele, in denen die ZiWi-Methode angewendet wurde: DROPS Magdeburg, Obdachlosensiedlung Mainz, Präventionsteam Kinderschutz Berlin, Schutzengel Flensburg

Zielsetzung nach SMART-Kriterien bei Quint Essenz (Schweiz) http://www.quint-essenz.ch/de/topics/1178

Indikatorenbildung nach ZWERG-Kriterien bei Quint Essenz (Schweiz) http://www.quint-essenz.ch/de/topics/1086

Wissenschaftlicher Text über die Erstellung eines „Programmbaums“ für eine wirkungsorientierte Evaluation:
Beywl, W. (2006). Demokratie braucht wirkungsorientierte Evaluation – Entwicklungspfade im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe. In Projekt eXe (Hg) Wirkungsevaluation in der Kinder- und Jugendhilfe: Einblicke in die Evaluationspraxis. München: Deutsches Jugendinstitut.

Überblick über die „Theory of Change“ Methode (englisch): http://www.theoryofchange.org/html/overview.html

Anderson, A (2004) Theory of change as a tool for strategic planning. Aspen Institute: http://www.theoryofchange.org/tocII_final4.pdf