Praxisbeispiel: Kiezdetektive Berlin

1. Titel: Partizipative Qualitätsentwicklung im Projekt Kiezdetektive

Durchführungszeitraum: von Februar 2006 bis November 2007

2. Beteiligte Einrichtung/en:

Plan- und Leitstelle Gesundheit, Schwerpunkt Gesundheitsförderung und Prävention (Leitung: Ingrid Papies-Winkler), Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin

3. Autor/innen:

  • Dipl.-Psych. Martina Block, MPH (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)
  • Ingrid Papies-Winkler, Dipl.-Pol., Dipl. Soz. Päd. (Plan- und Leitstelle Gesundheit)

3b. Wissenschaftliche Begleitung:

Durch die Forschungsgruppe Public Health, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

4. Maßnahme der Prävention/Gesundheitsförderung, die qualitätsgesichert wurde:

Projekt ‚Kiezdetektive – Kinderbeteiligung für eine gesunde und zukunftsfähige Stadt’

Dem Namen des Projektes: ‚Kiezdetektive – Kinderbeteiligung für eine gesunde und zukunftsfähige Stadt’  ist sein Anliegen bereits zu entnehmen. Kinder sollen als Beteiligte und Experten in eigener Sache in Planungs- und Entscheidungsprozesse im Rahmen von nachhaltiger gesunder Stadtentwicklung und –gestaltung eingebunden werden.

Die ‚Kiezdetektive’ gibt es seit 1999, damals angesiedelt in der lokalen Agenda und vom Kinder- und Jugendbüro Marzahn-Hellersdorf entwickelt. Als im Jahre 2000 die Stellen der lokalen Agenda ausliefen, wurde die Koordination von der Plan- und Leitstelle Gesundheit Friedrichshain-Kreuzberg übernommen.

Als ‚Kiezdetektive’ erkunden Grundschulkinder ihr Lebens- und Wohnumfeld, ermitteln Probleme, aber auch Schätze1, dokumentieren diese in Form einer Ausstellung und präsentieren diese Ergebnisse im Rathaus ihres Bezirkes den verantwortlichen Bezirkspolitikerinnen und Bezirkspolitikern, die mit ihren Verwaltungen, freien Trägern und gemeinsam mit den Kindern aufgefordert sind, diese Probleme zu bearbeiten. Nach ca. sechs Monaten werden auf einer Folgeversammlung die Umsetzungsergebnisse nachgefragt.

Das Projekt gibt Kindern die Chance, ihren unmittelbaren Lebensraum näher kennenzulernen, sich die Lebenswelt aktiv anzueignen und mit zu gestalten. Das Aktivsein soll die allgemeine Entwicklung der Persönlichkeit sowie Wahrnehmung, Selbstbewusstsein und Verantwortlichkeit fördern und zielt auf das Erleben demokratischen Handelns ab. Es stellt somit einen umfassenden Ansatz zur Gesundheitsförderung dar. Insbesondere in problembelasteten Stadtgebieten – oft mit hohem MigrantInnenanteil - sollen durch dieses Projekt Kinder erreicht und für gesundheitliche und soziale Belange aktiviert werden. 2 Pro Durchgang werden drei bis vier Klassen erreicht, d.h. 75-100 Kinder im Alter von 9-10 Jahren nehmen teil.

5. Zielsetzung der Qualitätssicherung:

Ziele der Beratung waren:

1a. Verbesserung der Transparenz nach Innen: Die Eingabe, Handhabung und Verwertung der zu erhebenden Daten der Projektdurchläufe sollte vereinfacht und transparenter gemacht werden (Dokumentation). Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden, den Projektverlauf und den Prozess der Bearbeitung der von den Kindern identifizierten Probleme im Kiez jederzeit auf einen Blick schnell nachschauen und überblicken zu können. Bislang wurden die Ergebnisse und Verläufe in Heftern auf Listen von Frau Papies-Winkler gesammelt. Wünschenswert war eine Dokumentation, die alle relevanten Variablen enthält und trotzdem überschaubar und einfach zu handhaben ist. 

1b. Verbesserung der Transparenz nach Außen: Die Außendarstellung der Wirksamkeit sollte verbessert werden. Die Erfolge auf der Ebene der Problembeseitigung sollen zukünftig besser verfolgt und dokumentiert werden können.

2. Die Erfolge der Intervention ließen sich nur schwer bei der Zielgruppe (Kinder) nachweisen. Deswegen sollte ein Instrument zum Nachweis der Veränderungen auf der Ebene der Zielgruppe Kinder erarbeitet werden.

6. Nutzen:

Die Beratung zur Partizipativen Qualitätsentwicklung hat eine ‚Disziplinierung’ in dem Sinne bewirkt, als dass die Dokumentation der Ergebnisse systematisch voran gebracht wurde. Die entwickelten Dokumentationsformen dienen der Weiterentwicklung der Arbeit. Das Dokumentationssystem ist integraler Bestandteil des Projektes geworden.

Die Qualitäts- und Evaluationsstrategie konnte in konkrete Handlungsmöglichkeiten umgesetzt werden (Kinderbefragung mit einer Fokusgruppe).

Die Qualitätssicherung hat einen Nutzen erbracht für:

  • die Außendarstellung der Maßnahme
  • die eigene professionelle Entwicklung
  • die Einrichtung (politischer Nutzen)
  • die praktische Präventionsarbeit
  • die Zusammenarbeit mit der Zielgruppe

7. Methodisches Vorgehen:

In der Beratung zur Partizipativen Qualitätsentwicklung wurde ein computergestütztes Dokumentationssystem für die Stammdaten der Kinder (Herkunft, Muttersprache, Geschlecht etc.) des jeweiligen Durchganges der ‚Kiezdetektive’ sowie für die kurz- und längerfristigen Ergebnisse der Maßnahme entwickelt. Es erfasst die von der Zielgruppe wahrgenommenen Probleme und Schätze in ihrem Wohn- und Schulumfeld. Zusätzlich wird der Prozess der Problembeseitigung erhoben (zuständige Verwaltungsstelle, Nachfassen, Dauer bis zur Beseitigung).

Entsprechend der zweiten Zielsetzung wurde ein Interviewleitfaden für die Durchführung einer Fokusgruppe mit den Kindern entwickelt.

Die Fragen an die Kinder sollen die Ziele des Projektes repräsentieren:

Aktivierung der Kinder für gesundheitliche und soziale Belange (Oberziel)

  • Lebensraum (Kiez) kennen lernen
  • Wahrnehmung der Kinder stärken
  • Kinder beteiligen an Planungen und Umsetzungen
  • Lebensraum mit gestalten
  • Verantwortlichkeit fördern
  • Demokratie erfahren und erlernen (Entscheidungsmacht)

Neben der Abklärung der Zielerreichung sollen die Kinder zur Bewertung der Durchführung der ‚Kiezdetektive’ befragt werden. Ihr Feedback dient der Optimierung der kommenden Durchgänge.

Angewandte Methoden:

8. Ergebnisse der Qualitätssicherung:

Mehrere Anliegen der Plan- und Leitstelle, Arbeitsbereich Gesundheit und Prävention, wurden in der Partizipativen Qualitätsentwicklung bearbeitet. Die Durchgänge der ‚Kiezdetektive’ wurden bereits dokumentiert, sie war aber nicht anwenderfreundlich. Die Dokumentation sollte vereinfacht werden, ohne großen Aufwand auszufüllen sein und gleichzeitig mehreren Zwecken dienlich sein. Sie sollte einerseits die Ergebnisse des aktuellen Durchgangs abbilden, darüber hinaus aber auch den Fortgang der Bearbeitung der von den Kindern benannten Probleme durch die verschiedenen Bezirkspolitiker erfassen: Welchen Forderungen ist bereits nachgekommen worden, wo steht die Bearbeitung noch aus und muss weiter verfolgt werden? Es bestand der Wunsch, dieses Instrument sowohl für interne Zwecke als auch für die Nachfragen von Politikern oder potentiellen Zuwendungsgebern  zu den Ergebnissen des jeweiligen Durchgangs zu nutzen. Dafür sollte der Dokumentationsbogen leicht verständlich und gut ablesbar sein.

Das entwickelte Dokumentationssystem lässt sich gut in den Praxisalltag integrieren. Dieses gilt ebenso für die Fokusgruppe. Die entwickelten Verfahren sind gut in den Praxisalltag der Plan- und Leitstelle Gesundheit und der Schulen integrierbar, ohne zu einer Überforderung der Beteiligten (Kinder, Schulpersonal, MitarbeiterInnen Plan- / Leitstelle) zu führen. 

Die Entwicklung einer Fokusgruppe entsprach dem langgehegten Anliegen, die Wirksamkeit der Maßnahme bei der Zielgruppe evaluieren und die Erreichung der formulierten Zielsetzung nachweisen zu können. Die Ergebnisse sind im Bericht zur Durchführung (Papies-Winkler 2008) zum Download.

9. Erfahrungen und Tipps:

Die Erfahrungen mit den Kindern in den Fokusgruppen haben gezeigt, dass die Leitfragen je nach Gruppe etwas modifiziert bzw. erklärt werden mussten, da sie teilweise nicht ganz verstanden bzw. missverstanden wurden.

Prinzipiell hielten wir uns jedoch an die Leitfragen.

Darüber hinaus entwickelte sich nur in einigen Gruppen eine Diskussion unter den Kindern, vielmehr war eine direkte Befragung mit mehrmaliger Wiederholung der Fragestellung nötig.

In zwei der vier Fokusgruppen gab es zudem Disziplin- und Konzentrationsprobleme, die eine gezieltere Steuerung nötig machten.

Grundlage der Fokusgruppen waren der Steckbrief aus den begleitenden Methoden-Workshops des WZB und die in der Beratung entwickelten Leitfragen.

Alle vier Gruppen bestanden aus sechs bis acht Kindern, die teilnahmen. Die Befragung fand in einem geschlossenen Raum statt. Eine Person (Ingrid Papies-Winkler) stellte die Leitfragen und moderierte, eine zweite Person (Florian Barthelmeß und Angelika Schmidt) bedienten das Aufnahmegerät und führten Protokoll. Alle Aufnahmen wurden transkribiert. Die Dauer der Befragungen betrug ca. eine Stunde.

Leitfragen Fokusgruppe "Kiezdetektive" (als eigener Anhang)

  • Was heißt für dich "Gesunde Stadt/Gesunder Kiez"?
  • Sind dir Dinge in deinem Kiez aufgefallen, die du vorher nicht gesehen hast?
  • Fühlst du dich für deinen Kiez jetzt mehr verantwortlich?
  • Konntest du zu Veränderungen beitragen?
  • Hast du das Gefühl, von den Politikern erst genommen worden zu sein?
  • Was hat dir bei den Kiezdetektiven am besten gefallen?
  • Was hat dir bei den Kiezdetektiven gar nicht gefallen?

10. Anschauungsmaterial/ Dokumente zum Download: